Innovationsökologie Tabakfabrik: Pluralismus statt Purismus

Tessi Lehner

Das Modell Tabakfabrik Linz fasziniert über die Landesgrenzen hinweg – das Linzer Stadtentwicklungsprojekt stößt in Oxford und weiteren renommierten Universitäten Europas auf Interesse. Harald Katzmair, Sozialwissenschaftler und Philosoph, hat mit seinem Forschungsinstitut FASresearch und der Tabakfabrik gemeinsam ein Modell entwickelt hat, das die Einzigartigkeit der Tabakfabrik beschreibt.

„Die Tabakfabrik als Ort versteht man nur, wenn man auch die unterschiedlichen Phasen des Innovationszyklus versteht“, erklärt Harald Katzmair. Er spricht vom Modell des adaptiven Zyklus, das bei jedem Lern- und Innovationsprozess Anwendung findet und vier Phasen beschreibt, die immer wieder aufeinanderfolgen und so eine zyklische Abfolge ergeben: Etwas Neues wird implementiert und Bewährtes vertieft, ehe durch Disruption Prozesse beendet werden und Dinge losgelassen werden müssen. Im Suchprozess können neue Ideen geboren werden, die dann wieder implementiert werden können. So beginnt der Zyklus immer wieder von vorne.

„Mir ist kein Ort bekannt, der all diesen vier Phasen eine Heimat und eine Stimme gibt. All die Inkubatoren, Hubs und Gründungszentren bilden nur einen Teil des Zyklus ab – in seiner Gesamtheit ist er nirgends vorhanden, außer in der Tabakfabrik“, ist Katzmair fasziniert. „Wenn man durch die Tabakfabrik geht und die einzelnen Unternehmen und Organisationen besucht, ist es so, als ob man verschiedene Vegetations- und Zeitzonen durchquert – von hochtechnologisch bis retro, von chaotisch-kreativ bis tough business. Für diesen einzigartigen Ort, an dem alle Phasen des Innovationszyklus repräsentiert sind, braucht es ein Modell. Mit dem adaptiven Zyklus haben wir ein Modell, das wir nur noch ein bisschen verfeinern und für die Tabakfabrik adaptieren mussten.“

Harald Katzmair über die Innovationsökologie der Tabakfabrik. ©FASresearch

Das Modell des adaptiven Zyklus ist ein Hybrid aus verschiedenen theoretischen Strömungen. Das Kernelement kommt aus der Komplexitätstheorie, in der der kanadische Ökologe Buzz Holling postuliert, dass Netzwerke und komplexe Systeme Zyklen und Phasen durchlaufen – Wachstum, Stagnation, Krise, Destrukturierung und Neustrukturierung. Neben der Cultural Theory von Michael Thompson spielen auch die Archetypen aus der Psychoanalyse von C.G. Jung eine wesentliche Rolle. Sie sind klassische, uralte Figuren der Kultur und Gesellschaft wie Krieger, Könige, Narren und Suchende und werden im wissenschaftlichen Modell des adaptiven Zyklus zu sozialen Formen, die entlang eines Entwicklungsprozesses Erfahrungen sammeln.

Die 12 Schlüsselrollen

Im Falle der Tabakfabrik wurden die Archetypen weiter adaptiert: Jede Innovationsökologie benötigt unterschiedliche Schlüsselrollen, die einander bedingen und für unterschiedliche Phasen des Entwicklungszyklus wichtig sind, damit das System als Ganzes dynamisch bleibt.

In der Start-up-Phase tüfteln Suchende, Passionierte und Kreative an neuen Ideen, die sie mit wenig Ressourcen, aber großer Leidenschaft verfolgen. Sie sind Pioniere auf ihrem Gebiet und machen ihr Hobby zum Beruf.

In der Etablierungs- und Reifephase setzen KämpferInnen die Ideen bis zum Produkt um, EntscheiderInnen gewährleisten finanzielle und wirtschaftliche Stabilität und verbreiten das Produkt. EntertainerInnen sind in dieser Phase für die Unterhaltung wichtig.

Unruhestifter bringen in der Restrukturierungsphase die Ideen zum Scheitern, die Desillusionierten werden von UmsorgernInnen therapiert und können sich neu sammeln.

In der Ideenphase kreieren Visionäre und Idealisten mithilfe von Mentoren, die ihre Erfahrung und ihr Wissen teilen, neue Ideen.

 

12 Rollen in vier Phasen bilden die Entwicklungsökologie der Tabakfabrik.

 

„Im Gegensatz zu vielen bestehenden Innovationstheorien beleuchtet dieses Modell beide Phasen, die Start-up- und die Destrukturierungsphase, gleichwertig. Es ist wichtig, die Innovationsökologie in seiner Gesamtheit zu betrachten und nicht fragmentiert“, erklärt Katzmair.

Vielfalt statt Einfalt

„Wichtigstes Anliegen der Tabakfabrik sollte die Vermeidung von Monokultur sein“, mahnt Katzmair. Dem wird in vielerlei Hinsicht Sorge getragen: Durch regelmäßige Befragungen erhebt die Tabakfabrik die Bedürfnisse der bestehenden MieterInnen, um den Ausbau besser planen zu können. Durch Community Management werden auch kurzfristige Probleme gelöst und Fragen beantwortet – Vielfalt steht an oberster Stelle.

1.700 Personen haben in der Tabakfabrik Zugang zu einem Arbeitsplatz – Community Events wie hier eine Grillerei sind wichtig für die Atmosphäre. Foto: Tessi Lehner

„Die Tabakfabrik ist das beste Beispiel dafür, wie soziale Orte das zukünftige Verständnis für Ökonomie prägen und wie sie lern- und erneuerungsfähig bleiben“, so Harald Katzmair. „Die Tabakfabrik ist ein lernender Ort – er lernt, entwickelt sich, ist erfolgreich, scheitert und lernt von neuem.“

 

 

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