Stoffwechsel: Von der Tabakregie zur Modefabrik

Foto: Mojtaba Mousav

Ab dem Wintersemester 2015/16 startet in der Tabakfabrik Linz ein innovatives neues Studium der Kunstuniversität Linz: Fashion & Technology. Im Vollausbau werden rund 100 ModedesignerInnen aus dem In- und Ausland in der Tabakfabrik studieren und für internationales Flair sorgen. 

Das Studium ist eine Ausbildung für zeitgenössisches Modedesign mit dem Schwerpunkt auf Innovation und Technologie. Es umfasst sieben Semester inklusive eines Praktikums. Die Studierenden arbeiten mit traditionellen handwerklichen Techniken ebenso wie mit Cutting Edge Technologien, unter anderem 3D-Print, Lascercut oder Digitaldruck. Intelligente Textilien und Wearables sowie soziale Verantwortung und Nachhaltigkeit im Produktionsprozess zählen zu den Kernthemen des Studienprogramms.

Foto: Mojtaba Mousav

Foto: Mojtaba Mousav

Die Teilnahme an Shows, Wettbewerben und Reisen zu Messen oder Produktionsfirmen sind ebenfalls ein wichtiger Teil des Curriculums. Außerdem schaffen Workshops mit internationalen ExpertInnen aus den Bereichen Modedesign, Fotografie, Styling und PR einen praxisorientierten Zugang zur Modebranche.

 „Die Ansiedelung des neuen Studienzweigs „Fashion & Technology“ ist sowohl für die Stadt Linz, als auch für die Tabakfabrik von großer Bedeutung. Die Verbindung von Mode, Design und Technologie steht im Einklang mit der inhaltlichen Neuausrichtung des Areals. Im Geiste ihres Schöpfers Peter Behrens und der weltberühmten Bauhaus-Designschule strebt die Tabakfabrik Linz nach einer universellen Ausbildung. Einer Ausbildung, die Handwerk, Kunst, Forschung und Technik als Einheit begreift und der Ära globaler Vernetzung gerecht wird. Als einstiger Standort der ersten österreichischen Textilfabrik des industriellen Zeitalters und als letzter großer Industriebau von Peter Behrens, der als Erfinder des Corporate Designs in die Geschichte einging, ist die Tabakfabrik Linz auch aus historischer Sicht die ideale Heimstätte für den Studienbereich Modedesign“, sagt Stadtrat Stefan Giegler, Aufsichtsratsvorsitzender der Tabakfabrik Linz.

Die Tabakfabrik als idealer Standort des neuen Studiums „Fashion & Technology“

An jenem Ort, an dem einst die Zigarettenmarke Smart produziert wurde – Signet der weltberühmten Linzer Medienkünstlerin Valie Export – formt sich nun eine Smart Factory der kulturellen und kreativen Industrien. Anstelle von Zigaretten bestimmen heute zündende Ideen den Arbeitsalltag in der rund 80.000 m² großen Tabakfabrik Linz. 70 Start-ups, Medienagenturen, Designbüros, Bildungseinrichtungen, Handwerksbetriebe und Ein-Personen-Unternehmen haben sich bereits am Areal angesiedelt. In dieser frühen Entwicklungsphase arbeiten 320 Personen in der Tabakfabrik und damit mehr Menschen als vor ihrer Schließung im Jahr 2009[1].

Foto: Florian Voggeneder | any:time Architekten

Foto: Florian Voggeneder | any:time Architekten

Mit der Tabakfabrik Linz schuf Stararchitekt Peter Behrens in den 1930er Jahren ein international beachtetes Gesamtkunstwerk im Stil der Neuen Sachlichkeit. Er entwarf mit großer Liebe zum Detail nicht nur die Gebäude, sondern auch deren Einrichtung: Von der Kaffeetasse über die Stühle der ArbeiterInnen bis zu den Schriftzügen auf Feuerhydranten.

Im Geist des Bauhaus-Vorreiters Peter Behrens, der heute als Erfinder des Corporate Designs gilt, wandeln die Studierenden der Fachrichtung „Fashion & Technology“ in der Tabakfabrik Linz auf den Spuren der Designgeschichte. Doch auch im Textilbereich hat die neue Heimat des Modezweigs der Kunstuniversität Linz Geschichte geschrieben: Von 1672 bis 1850 befand sich am Standort der heutigen Tabakfabrik Österreichs erste Textilfabrik des industriellen Zeitalters, die Linzer Wollzeugfabrik.

Foto: Nina Wenhart

Foto: Nina Wenhart

Stilgerecht situiert, im obersten Stock des so genannten Bau 1, wird die Studienrichtung „Fashion & Technology“ das prominenteste und größte Gebäude der Tabakfabrik Linz mit neuem Leben füllen. Pro Ebene besteht der Bau 1 aus einer elegant geschwungenen Säulenhalle, die sich in fast allen Etagen über die gesamte Gebäudelänge von rund 230 m erstreckt und wie gemacht ist für den Laufsteg. Der Industriechic dieser atemberaubenden Architektur eröffnet ungeahnte Möglichkeiten für Fashion Shows, Produktpräsentationen oder Fotoshootings.

Foto: by sahlia

Foto: by sahlia

Der Bau 1, jener Ort, an dem einst aus dem Fülltabak Zigaretten gefertigt wurden, ist nicht nur aus architektonischer und historischer Sicht das Glanzstück der Tabakfabrik. Er spielt auch in der gegenwärtigen wie zukünftigen Entwicklung des Areals eine besonders bedeutende Rolle. Bietet dieses Gebäude doch aufgrund seiner außergewöhnlichen Spannweite die Möglichkeit, einzelne Fachbereiche und Initiativen im Sinne einer Produktionskette anzuordnen: Am Anfang stehen Kunst und Forschung als Impulsgeber für Innovationen, neuartige Produkte und Dienstleistungen, die von der Kreativwirtschaft aufgegriffen und zu Prototypen entwickelt werden. Prototypen, aus denen Handwerk und Industrie schließlich marktfähige Handelsgüter erzeugen. Eine derartige Gliederung nach den Prinzipien des Supply-Chain-Managements gewährleistet optimale Raum-, Vernetzungs- und Rahmenbedingungen für die gezielte Schaffung von Milieus, die voneinander profitieren und sich gegenseitig bereichern.

Besondere Synergieeffekte mit dem Studiengang „Fashion & Technology“ bieten bereits in der Tabakfabrik angesiedelte Kreativschaffende mit einem Fokus auf Design und neue Technologien, wie z.B. die Medienagenturen Ars Electronica Solutions und Netural, der Modefotograf Robert Gortana, die Designbüros argeMarie und sit_designbureau oder die Initiative Creative Region Linz & Upper Austria zur Förderung selbständiger DesignerInnen.

Foto: Netural Office

Foto: Netural Office

Synergieeffekte verspricht auch der Veranstaltungsreigen der Tabakfabrik Linz mit alljährlichen Publikumsmagneten wie der WearFair & mehr Messe, dem Kunst- und Designmarkt oder dem Modepalast, Österreichs größtem Designer-Pop-up-Store. Als erklärte Lieblingslocation namhafter Mode- und Designmessen avancierte die Tabakfabrik Linz zum Brennpunkt der Branche und eröffnet den Studierenden des Zweigs „Fashion & Technology“ vielfältige berufliche Perspektiven.

Wenn im Vollausbau des Studienzweigs „Fashion & Technology“ künftig rund 100 internationale ModedesignerInnen am Areal studieren, wird die Belegschaft der Tabakfabrik Linz um ein Vielfaches größer sein als zur Zeit der Zigarettenproduktion.

Foto: Volker Weihbold

Foto: Volker Weihbold

 


 

[1] Nachdem das Unternehmen der Austria Tabak im Zuge der Privatisierungswelle 2001 an den britischen Gallaher-Konzern und von diesem an Japan Tobacco International verkauft wurde, stellte der japanische Eigentümer nach wenigen Jahren den Betrieb ein und die Stadt Linz erwarb das denkmalgeschützte Areal um 17 Millionen Euro.

 

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