Festakt zu Johannes Reuchlins 500. Todestag in der Linzer Synagoge

Am 30. Juni 2022 – dem 500. Todestag des deutschen Humanisten und Philosophen Johannes Reuchlin – wurde in der Linzer Synagoge dem bedeutenden Schaffen des Brückenbauers gedacht. Warum in Linz und warum in der Synagoge, mögen sich viele fragen. Antworten darauf lieferte der Festredner, der österreichische Kulturjournalist und Moderator Heinz Sichrovsky, in einer wunderbaren Rede, die das Leben des Sprachwissenschafters und Hebraisten ehrt. Die Rede gibt es hier in voller Länge zum Nachlesen.

Zu Johannes Reuchlins Ehren gemeinsam in der Linzer Synagoge: Kulturjournalist und Festredner Heinz Sichrovsky, Präsidentin der israelitischen Kultusgemeinde und stellvertretende Obfrau der Gesellschaft Freunde Johannes Reuchlin Charlotte Herman, Gemeinderat Stefan Giegler, Obmann der Gesellschaft Freunde Johannes Reuchlin Franz Praher und Generalvikar der Diözese Linz Severin Lederhilger.

Die Festrede von Heinz Sichrovsky

Werte Anwesende, meine Damen und Herren,

vor gar nicht langer Zeit – und wir brauchen da nicht einmal die Erinnerung der Älteren zu bemühen –, haben wir uns der Illusion hingegeben, der Antisemitismus sei in den Vereinslokalen der SS-Kameradschaft halbwegs sicher verwahrt, im Zustand der Mumifizierung und auf dem biologischen Weg der Selbstentsorgung. Die paar Enkel, so dachten wir, bedürften keiner besonderen Beobachtung, so wenige, wie sie seien. Von den Urenkeln gar nicht zu reden, und wer beharrlich Einspruch erhoben hat wie der Psychiater Erwin Ringel oder der kürzlich verstorbene Erzähler Gerhard Roth, wurde als „hysterischer Hausarzt der Österreicher“ zwangspromoviert, so wie es Gerhard Roth tatsächlich erleben musste.

Heute marodieren, sofern noch mobil genug, die Urgroßeltern mit den Großeltern, den Eltern, den Enkeln und den Urenkeln durch die Gassen österreichischer Hauptstädte, gelbe Sterne auf der Brust und grölend das Andenken der Opfer von Auschwitz schändend. Vor ihnen her torkeln, um das Portfolio vollends ins Irrationale zu erweitern, Globuli sortierende Wollstrumpfstricker, und wer meint, all das sei schon wieder jüngste Vergangenheit, der meint auch, die Pandemie sei vorbei, wenn man den Pferden nur systematisch ihr Entwurmungsmittel wegsäuft. Lassen uns diese Erscheinungen einmal ein paar Wochen Luft zum Atmen, würgt uns dafür das Wissen um den Antisemitismus aus der eigenen, der linken Gesinnungsgemeinschaft, wie ihn der Labour-Vorsitzende Jeremy Corbyn in England verkörpert hat. Der linke Antisemitismus wiederum verbrüdert sich unter dem Vorwand des Antiisraelismus verständnisinnig und augenzwinkernd mit dem immigrierten Judenhass. Mit anderen Worten: Die glücklichen Gut-böse-Befunde unserer Jugend, die meist Links-rechts-Befunde waren, sind untauglich geworden. Und als Verstärker der unheilvollen Verwirrung wirkt die Degeneration der Sprache, eine Folge der globalen Machtergreifung der sozialen Medien.

Und wie vor 100 Jahren detoniert die Illusion, in einer Zeit der Vernunft, der Aufklärung und des Humanismus geborgen zu sein, atemberaubend schnell in Irrationalität, Desinformation und Inhumanität. Deshalb hat dieser Festakt erhebliche Bedeutung. Er erinnert uns an das Zeitalter des Humanismus in einer seiner prägenden Gestalten: jener des deutschen Sprachwissenschafters, Hebraisten, klassischen Philologen, Philosophen, Juristen, Diplomaten und Publizisten Johannes Reuchlin, geboren 1455 in Pforzheim, gestorben 1522 in Stuttgart. Er hat, und das wird Hauptgegenstand dieses Vortrags sein, verhindert, dass den Juden zu Beginn des 16. Jahrhunderts ihre Bücher und Schriften konfisziert und verbrannt wurden. Kraft seines Ansehens, seiner Expertise und seiner Überzeugungskraft konnte er mit den Instrumentarien der Vernunft das (leider noch lang nicht letzte) Aufbegehren des barbarischen, des christlichen Mittelalters abwehren.

Sein Bewunderer Ulrich von Hutten hat Reuchlin und den um ein paar Jahre jüngeren Erasmus von Rotterdam die beiden Augen Deutschlands genannt: Unter dem Einfluss  dieser prägenden Gestalten des Humanismus hätte das deutsche Volk aufgehört, barbarisch zu sein. Ulrich von Hutten war der erste Reichsritter, ein feuriger Mitkämpfer gegen die Beharrungskräfte des Mittelalters, das sich damals gerade zögernd in die Neuzeit verabschiedet hat: in die Epoche der Renaissance, die den holzgeschnitzten Stumpfsinn des Mittelalters durch die Rückbesinnung auf die Werte der Antike verdrängt hat – Philosophie, Staatskunst, Literatur und Rhetorik, immer mit der geschliffenen, reflektierten Sprache im Fokus, quasi der frühe Gegenentwurf zum Zeitalter der sozialen Medien. Dass Huttens Prognose vom Ende der deutschen Barbarei leider nicht haltbar war, musste die Welt nicht erst im 20. Jahrhundert zur Kenntnis nehmen, und wir hier haben auch keinerlei Veranlassung, uns aus diesem Großdeutschland der Entmenschung davonzustehlen.

Aber wir können hier und heute Johannes Reuchlin ehren und, bei allem Respekt vor dem viel prominenteren Erasmus, Ricarda Huch zitieren, eine deutsche Schriftstellerin an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert: „Von den beiden Augen Deutschlands war Erasmus der glitzernde, strahlenwerfende Stern, Reuchlin der klarspiegelnde See.“ Und ehe ich auf seine durchaus epochale Bedeutung für den zivilisatorischen Gesamtbefund eingehe, lassen wir einen anderen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts zu Wort kommen, der 1965 die bis heute unübertroffene Monographie Reuchlins geschrieben hat: den Zionisten Max Brod nämlich, einen Exponenten der großartigen pragerdeutschen Literatur, die unter anderen Rilke, Werfel, Karl Kraus und Kafka hervorgebracht hat. Um seinen engen Vertrauten Kafka hat sich Max Brod, selbst kein ganz Großer der Literatur, Unsterblichkeit erworben: Ihm hatte der früh verstorbene Kafka seinen Nachlass anvertraut und dabei verfügt, alles Vorhandene zu verbrennen. Brod hat das aus Gewissensgründen verweigert und damit eine unvorstellbare Verarmung der Literaturgeschichte verhindert, „Der Prozess“, „Das Schloss“ und „Amerika“ wären sonst nämlich unbekannt geblieben. Verstehen wir jetzt, was den Emigranten Brod dazu bewogen hat, an seinem letzten Wohnort Tel Aviv drei Jahre vor seinem Tod Johannes Reuchlin auf mehr als 500 Buchseiten zu porträtieren? Den Mann also, der verhindert hat, dass Kulturgeschichte unwiederbringlich verbrannt wurde?

Brod beschreibt in seiner historischen Monographie mit dem demonstrativen Titel „Johannes Reuchlin und sein Kampf“ die historische Situation: „Das Schicksal der Juden in Deutschland (und in ebenso fast allen europäischen Ländern) stand damals auf des Messers Schneide. – Das stand es ja eigentlich fast immer, in den vielen Jahrhunderten unserer Diaspora. Doch in wechselnden Gefährlichkeitsgraden. Der Gefährlichkeitsgrad der Reuchlin’schen Epoche war nicht zu überbieten. Die Gefahr bedrohte damals nicht allein die physische Existenz der Judenheit; sie bedrohte das geistige Sein des Judentums in seinen Grundlagen, in seiner allerrealsten Überlieferung, seiner Literatur.“ Dass Brod, dessen Bruder in Auschwitz umgebracht wurde, den Gefährlichkeitsgrad der Verhältnisse Anfang des 16. Jahrhunderts anno 1965 als „nicht zu überbieten“ qualifiziert hat, berührt in der Unbedingtheit des kulturhistorischen Blicks. Die Monographie ist übrigens gerade wiederaufgelegt worden.

Aber in der Tat hatte sich da, ein Jahrzehnt vor der Reformation durch Luther, etwas Katastrophales angebahnt. Die Situation der jüdischen Minderheit innerhalb der christlichen Mehrheit schien gerade im äußerst labilen Gleichgewicht. Nach den Verbrechen der Kreuzzüge, deren Heere zwecks Kapitalbeschaffung auf dem Weg ins „Heilige Land“ ganze jüdische Kommunen liquidiert hatten, nach Pogromen, weil man die Juden für die Ausbreitung der Pest verantwortlich machte, nach der Ausweisung der Juden aus Köln 1423 war eine Art trügerischer Duldung erreicht, die vor allem damit zu tun hatte, dass die Fürstenhäuser die Juden als Geldgeber unter Schutz stellten.

Da meldet sich 1507/08 ein gewisser Johannes Pfefferkorn zu Wort, kein Priester, ein konvertierter Kölner Jude, der mit dem typischen geifernden Sendungsbewusstsein vieler „Bekehrter“ aus allen Religionen und Ideologien als Missionar durch die jüdischen Gemeinden gezogen war und endlich judenfeindliche Schriften zu verfassen begonnen hatte. Inspiriert haben ihn die Dominikaner, seit dem 13. Jahrhundert hauptzuständig für die Inquisition, und er wird unter ihrer schützenden Hand brandgefährlich. Sein „Judenspiegel“ ist zunächst ein polemischer Appell zur Zwangsbekehrung . Dann droht sich der Ungeist im Gefolge des Pfefferkorn’schen Aktionismus in Realität zu verwandeln: Sämtliche hebräischen Bücher seien zu konfiszieren und zu verbrennen. Juden mögen zur Abort- und Straßenreinigung herangezogen werden. Überdies sei ihnen das „Zinsverbot“, das den entgeltlichen Geldverleih untersagte, aufzuerlegen. So wäre vielen die Existenzgrundlage entzogen worden, da Juden von der Landwirtschaft und dem Handwerk ausgeschlossen waren.

Kaiser Maximilian, ein Zauderer, hat die Bücherkonfiszierung schon genehmigt, Pfefferkorn beginnt in Mainz und Frankfurt, da wenden sich die bedrängten Juden an den Kaiser. Und der beruft, eine schon damals bewährte Übung, wenn die Macht nicht weiter weiß, Experten ein. Zunächst seinen Verwandten, den Erzkanzler und Mainzer Erzbischof Uriel von Gemmingen (ein Nachfahre von ihm wird später Mozart zur Freimaurerei bringen). Der wendet sich an Reuchlin, die weit und breit einzige Autorität: den ersten nicht jüdischen Hebraisten deutscher Zunge, der auch noch graduierter Jurist ist. Bei ihm ist zuvor schon Pfefferkorn vorstellig geworden, um sich beraten zu lassen, Reuchlin hat ihn mit gelangweilten Einwänden weggeschickt. Jetzt aber, 1510, verfasst Reuchlin die ausführliche juristische Expertise „Ratschlag, ob man den Juden alle ihre Bücher nehmen, abtun oder verbrennen soll“, eines seiner wenigen in frühneuhochdeutscher Sprache geschriebenen Werke, denn die Sprache der Gebildeten und die Amtssprache ist ja Latein.

Und er sagt nein, indem er die jüdische Literatur systematisch analysiert und kategorisiert. Nur ganz wenige, auch bei Juden umstrittene, Schmähwerke gegen Jesus und Maria könne man verbieten. Eine ganze Expertenrunde, unter ihnen der Kölner Ketzermeister, der Inquisitor Jakob Hochstraten, soll dagegen einberufen werden und tritt nie zusammen. Aber Hochstraten strengt gegen Reuchlin einen Ketzerprozess beim Papst an, der zunächst folgenlos bleibt. Und Reuchlin, ein unbeirrbar überzeugter Katholik, der sich trotz aller Anwürfe noch kurz vor seinem Tod zum Priester weihen lassen wird, sagt weiter nein. Und die Bücher werden nicht verbrannt, sondern zurückgegeben.

Aber Pfefferkorn erkennt, wie man heute sagen würde, das Marketing-Potenzial der Sache, zumindest Brod sieht das so: „Welche Motive aber Pfefferkorn bei seinen wütenden Angriffen auf jüdisches Wesen, jüdisches Leben geleitet haben mögen: das ist (…) keineswegs klargestellt. Ich neige dazu, ihn für einen literaturbesoffenen Schreiber anzusehen, einen Ehrgeizling, der durch seine antijüdischen Bücher, die er Jahr um Jahr publizierte, Aufsehen erregen wollte und in steigende Maße auch wirklich erregte – besonders, als er auf namenlos freche Weise gegen Reuchlin losging und es erreichte, dass sein Name zusammen mit dem der höchsten nichtjüdischen Autorität Deutschlands auf dem Gebiete der hebräischen Literatur (…) in der ganzen Welt jahrelang in einem Atem genannt wurde.“

Der Krawall verschärft sich, und mit Ausnahme Georgs von Speyer, Reuchlins Heimatbischof in Pforzheim, findet Reuchlin innerhalb der Kirche keinerlei Fürsprecher. Aber andere erklären sich für ihn, und die Causa zieht weltliterarische Konsequenzen nach sich: Führende Humanisten der Zeit verspotten den halbgebildeten Pfefferkorn in den anonymen „Dunkelmännerbriefen“, einem mehr als 100 Seiten starken parodistischen Schriftverkehr von zum Teil krachender Drastik, auch Pfefferkorns sehr schöne Gemahlin wird im Verlauf des Getöses #Metoo-fähig apostrophiert. Als Verfasser sind u. a. der Theologe Croteus Rubeanus und Ulrich von Hutten verdächtig. Am Beginn steht ein Festmahl fresssüchtiger klerikaler Analphabeten, die maßlosen Unsinn aus dem Segment des Mönchslateins fabrizieren, ich zitiere ein Stück:

„Vor längerer Zeit fand hier ein Aristotelischer Schmaus statt. Doktoren, Lizentiaten und Magister waren äußerst heiter, und auch wir nahmen vorerst drei Schlücke Malvasier, dann stellten wir als ersten Gang neugebackene Semmeln auf und bereiteten eine Suppe; nach diesem hatten wir sechs Schüsseln mit Fleisch, Hühnern und Kapaunen und eine mit Fischen; und wie es so von einer Schüssel an die andere ging, tranken wir Kotzberger und Rheinwein, auch Einbecker, Torgauer und Naumburger Bier. Hierauf begannen die angejubelten Magister kunstgerecht über wichtige Fragen zu sprechen, und einer warf die Frage auf: ob man sagen müsse »magister nostrandus« oder »noster magistrandus«, um damit eine Person zu bezeichnen, die fähig ist, Doktor in der Theologie zu werden. Allsogleich war mein Landsmann, Magister Warmsemmel, mit einer Antwort zur Hand – der Mann ist ein gar scharfsinniger Skotist, schon seit achtzehn Jahren Magister, wurde zwar seiner Zeit beim Magistrieren zweimal zurückgewiesen, dreimal gab’s Hindernisse, dennoch hielt er auch ferner noch aus, bis er, der Ehre der Universität zu Liebe, promoviert wurde. Er versteht seine Sachen gut, hat viele Schüler, kleine und große, alte und junge; seine Rede zeugte von hoher Verstandesreife, und er hielt dafür, daß man sagen müsse »noster magistrandus«, weil die Doktoren der hl. Theologie nicht Doktoren genannt werden, sondern aus Demut und Heiligkeit und zur Unterscheidung den Titel »unsere Magister« führen; da sie nach dem katholischen Glauben an der Stelle unseres Herrn Jesu Christi stehen, der die Quelle des Lebens ist, Christus aber unser aller Meister war: daher werden auch sie »unsere Meister« genannt, indem sie uns zu unterrichten haben auf dem Wege zur Wahrheit, und Gott die Wahrheit ist. Derowegen heißen sie mit Recht »unsere Meister«, weil wir alle, als Christen, schuldig und gehalten sind, ihre Predigt zu hören, und niemand darf ihnen widersprechen.“

Und über dem ganzen Getöse steht unbeirrbar Johannes Reuchlin, der einen wundersamen, über die Zeiten exemplarischen Veredelungsprozess durchlaufen hat. Er wird am 19. Januar 1455 in die glückhafte Zeit des Aufstiegs des Bürgertums geboren –die Hansestädte; Köln, das deutsche Rom; Augsburg unter den Fuggern; die Kunstmetropole Nürnberg; die Universitätsstadt Erlangen … Pforzheim ist da nur ein Flecken, aber ein malerisch schöner, wohlhabender unter der Obhut eines Markgrafen. Reuchlins Vater ist Stiftsverwalter ausgerechnet des Dominikanerordens. Der junge Mann wird an der örtlichen Lateinschule ausgebildet, studiert in Freiburg als Fünfzehnjähriger Philosophie, Grammatik und Rhetorik, geht als Begleiter des Markgrafensohnes an die hoch elitäre, unter päpstlicher Obhut stehende Pariser Universität, wird dann weiter in Basel ausgebildet, studiert in Orléans und Portiers römisches Recht und lehrt schließlich Jus und Poetik in Tübingen. Der junge Mann fällt durch Fähigkeit auf. Als Begleiter des württembergischen Grafen Eberhard im Bart reist er zum Papst nach Rom, heiratet dann in Stuttgart reich und dem Vernehmen nach glücklich und wird vom Grafen auf diplomatische Mission geschickt.

Und hier in Linz, im Spätsommer 1492, dreht sich sein Schicksal. Hier hat temporär der Habsburgerkaiser Friedrich III. seinen Lebensmittelpunkt genommen, ein durch missglückte Kriegshändel quasi obdachlos gewordener Unglücksvogel, der sich verarmt der Alchimie verschrieben hat. Graf Eberhard braucht aber seine Zustimmung in einer Erbfolgesache, und so bricht Reuchlin für eine kurze Mission in die Stadt auf, die er brieflich als „verhasst“ qualifiziert.

Gegenüber den Juden obwalten in Linz damals Vorformen von Toleranz, insgesamt agieren die Habsburger in dieser Hinsicht ja mit mehr Gelassenheit, Humanität und Verstand als die meisten anderen, bis später Maria Theresia wieder schärfere, bösartigere Sitten einführt. Speziell für die erfreulichen Verhältnisse in Linz dürfte der kaiserliche Leibarzt Jacob ben Jechiel Loans zumindest mitverantwortlich sein. Ihn lernt der 37-jährige Reuchlin bei Hof kennen, und der jüdische Leibarzt bringt ihm die Gewissheiten gründlich durcheinander. Zumindest hinsichtlich der Datengenauigkeit kann ich ein schmales Bändchen, das der Linzer Archivar und Bibliothekar Konrad Schiffmann 1929 publiziert hat, nur empfehlen. Reuchlins Linzer Aufenthalt wird da arg papieren in eine Art Novelle gefasst. „Es war ein herrlicher Spätsommertag des Jahres 1492“, hebt das Werk „Johannes Reuchlin in Linz“ tirilierend an, „als ein junger, hübscher Mann mit blondem Vollbart, angetan mit Sammetwams, Barett und Degen, begleitet von seinem Diener, durch das Welsertor in die Stadt einritt“ (in Wahrheit sind von Reuchlin keine zuverlässigen Porträts überliefert). In weiterer Folge führt der Hofkaplan den Gast durch Linz und zeigt ihm Juden, diese „gens pestifera“, was so viel wie pestbringende Rasse bedeutet. Sogar der kaiserliche Leibarzt sei Jude!

Nun muss man wissen, dass sich Reuchlin vorher sogar mit den schlimmsten Exponenten der Inquisition recht gut verstanden hatte, sogar ein freundschaftlicher Brief an den verbrennungswütigen Dominikaner Jakob Sprenger ist erhalten, den Verfasser des grausamen „Hexenhammers“. Aber 1490 hat Reuchlin in Italien den jungen, inspirativen Grafen Pico von Mirandola kennengelernt, gemeinsam hatte man über die Kabbala gemutmaßt. Das Interesse war geweckt, und da traf er in Linz Loans, und der unterwies ihn gründlich anhand des Wörterbuchs von David Kimchi aus dem Jahr 1480, nicht nur ins Hebräische, sondern auch ins spirituelle Fundament, in die Massora und die Erkenntnisse des Moses Nachmanides und des Rabbi Levi ben Gerson. Reuchlin war ein enormes Sprachentalent, hatte als einer der Ersten seit Jahrhunderten wieder das Altgriechische erlernt und wurde als Wunder der Sprachbeherrschung verehrt. Nun wird er in Linz nicht nur in den erblichen Adelsstand erhoben – das Wappen zeigt einen rauchenden Altar, ein Räuchlein eben, so wie sich Reuchlin auch gräzisiert Kapnion nennt. Er beginnt hier auch das ersehnte Hebräisch zu erlernen, und als die Mission schon am 28. Oktober endet, bleibt man in Verbindung, Reuchlin kommt wieder und studiert weiter bei Loans, man liest Psalmen und die Werke des Spaniers Juhuda ha Levi. Der Kaiser ist angetan und lässt ihm aus Wien eine kostbare hebräische Bibel bringen.

Und so wird er zur führenden, wohl einzigen deutschsprachigen Fachautorität: zum ersten nicht jüdischen Hebraisten und Judaisten. Sechs seiner neun Hauptwerke gelten der hebräischen Sprache oder jüdischen Themen.

Dabei ist zu bemerken, dass er sich nie vom christlichen Glauben löst. Noch 1505 verfasst er – angeblich im Auftrag eines Edelmanns, der wissen will, wie er mit den Juden in seinem Land verfahren soll – die nur siebeneinhalb Druckseiten starke Schrift „Doctor johanns Reuchlins tütsch missive, warumb die Juden so lang im ellend sind“, ein so genanntes Sendschreiben und eine seiner wenigen deutschsprachigen Publikationen. Er repetiert da das Stereotyp, die Juden hätten den Messias ermordet und klammerten sich an das Verbrechen, wären aber durch die Taufe zu erlösen. Erst als zwei Jahre später Pfefferkorn immer wilder zu pöbeln und zu provozieren beginnt, legt auch Reuchlin immer schärfer zu und findet im „Augenspiegel“, der Antwort auf den geifernden „Judenspiegel“, den für die Aufklärung programmatischen Satz „Verbrennt nicht, was ihr nicht kennt“.

Als sich die Causa ins Endlose wendet, schreibt er sein Haupt- und Sehnsuchtswerk „De arte cabalistica“: ein Dreigespräch von großer Ruhe und Schönheit zwischen einem Juden, einem spanischen Moslem und einem Pythagoräer. Ein Trialog nach Plato, dem zu folgen man sich erhebliche Vorkenntnisse aneignen müsste. Der aber etwas Entscheidendes leistet: Die Gestalt des Simon ist der erste edle Jude in der Literatur des deutschen Sprachraums, vielleicht ein Porträt Loans, jedenfalls eine Vorwegnahme Nathans, wohingegen Shakespeare im „Kaufmann von Venedig“ und Marlowe im „Juden von Malta“ böse, verworfene Juden entwerfen werden. Reuchlin geht von den Kategorien der geschaffenen Wesen aus, „von den leblosen Steinen aufwärts bis zum Menschen, dem Beherrscher aller Lebewesen, dem es gegeben ist, aus dem in seine Natur eingepflanzten Sehnen hervor mit allen Kräften, über die er verfügt, nach dem Höchsten und Besten zu langen“. Und er nähert sich Science-Fiction-Räumen, wenn er hinsichtlich der Kabbala zu dem Schluss gelangt: „Hier ist die Arbeit von Mathematikern und Physikern nötig, die Unendliches umfasst und in den Schriften der Araber, Griechen und Lateiner allenthalben enthalten ist, sei es vom Weltall kündend, von der Zahl, der Schwere und dem Maß, sei es von jeglicher Bewegung und jener Ruhe (Trägheit), die den Dingen essentiell innewohnt und die man ›Natur‹ nennt.“

Das Werk ist Papst Leo X. gewidmet, der im immer aggressiveren Streit um den „Augenspiegel“ zunächst neutral bis freundlich bleibt, ehe er, von Luthers Reformation unter Druck gesetzt, das Werk 1520 verurteilt, Reuchlin zu ewigem Stillschweigen und zum Ersatz der Gerichtskosten verpflichtet. Es kommt aber zu keinen Konsequenzen, auch keinen finanziellen, und Reuchlin wird ein zusehends ikonisierter akademischer Lehrer erst in Ingolstadt und dann in Tübingen. Er stirbt im damals gesegneten Alter von 67 Jahren am Gelbfieber, und seine unersetzliche Bibliothek ist im Laufe der Kriegsjahrhunderte verschollen.

Mehrfach wurde gemutmaßt, wie sich die Geschichte mit ihren verheerenden Religionskriegen entwickelt hätte, wenn der weltoffene Katholik Reuchlin mit dem harten Antisemiten Luther das menschheitsverändernde Reformwerk gemeinsam angegangen wäre. Da will ich nicht mitmutmaßen.

Noch zweieinhalb Postscripta zu fortgeschrittener Stunde? Eine Bewunderungsbekundung von Goethe:

„Reuchlin! Wer will sich mit ihm vergleichen?

Zu seiner Zeit ein Wunderzeichen!

Das Fürsten- und das Städtewesen

Durchschlängelte sein Lebenslauf,

Die heiligen Bücher schloss er auf.

Doch Pfaffen wussten sich zu rühren,

Die alles breit ins Schlechte führen,

Sie finden alles da und hie

So dumm und so absurd wie sie.“

Oder Heinrich Heine:

„Die Kölner Theologen, die damals agierten, waren keineswegs so geistesbeschränkt, wie der tapfere Mitkämpfer Reuchlins, Ritter Ulrich von Hutten, schildert. Es galt die Unterdrückung der hebräischen Sprache. Als Reuchlin siegte, konnte Luther sein Werk beginnen.“

Und weil wir in Linz sind, ein allerletztes halbes Postskript zum wackeren Oberstaatsbibliothekar Konrad Schiffmann, einem katholischen Priester, aus dessen Bändchen ich vorher zitiert habe: 1929 schrieb er seine ganz dem Verstehen und der Toleranz verschriebene Studie „Johannes Reuchlin in Linz“. Keine zehn Jahre später waren die Nazis im Land, und viele katholische Intellektuelle hatten sich von Hitler mehr versprochen, als der Kirchenskeptiker ihnen zugestehen wollte. Schiffmann war 1938 schon Privatier und wollte nur eines: sein zweibändiges „Historisches Ortsnamen-Lexikon des Landes Oberösterreich“, das er mit manischem Sendungsbewusstsein erstellt hatte, mit einem Ergänzungsband abschließen. Aber er war als Systemanhänger bekannt – als Proponent der gestürzten austrofaschistischen Regierung und Freund des Bundeskanzlers Schober – und kam mit dem Ansuchen nicht weiter. Deshalb hat sich der „schwierige Charakter“ („Österreichisches Biographisches Lexikon“) einen Befreiungsschlag einfallen lassen: Als engerer Landsmann des „Führers“ hat er bei der einflussreichen Zeitschrift „Germanien“ einen Aufsatz zur etymologischen Herkunft des Namens „Hitler“ eingereicht. Die Sache war heikel und die Aufregung beträchtlich, sogar die Reichsschrifttumskammer wurde eingeschaltet. Schiffmann hat den Namen nämlich von „Hütler“ hergeleitet, und das heißt nichts anderes als Hutmacher. Die Gefahr, den „Führer“ damit ernstlich zu verstimmen, war durchaus gegeben. Also hat der beigezogene Experte Professor Schnetz die Sicherheitsvariante verfügt: „Der Name geht letzten Endes auf mhd. huot(e), Hut im Sinne von ,Aufsicht’ zurück.“ Und Schiffmann? Den ließ man schonend anrennen. Der Aufsatz ist nie erschienen. Der dritte Band aber 1941 schon, und ein Jahr später war der Verfasser verstorben. Eine sonderbare Geschichte beharrlichen österreichischen Opportunismus’ im ostmärkischen Kostüm. Der Pater Schiffmann, einer von sehr, sehr vielen, möge trotzdem in Frieden ruhen.

 

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