Fabriks-Spiegel: Der Blick in die Nachbarschaft

Tabakfabrik

Linz im Jahr 1929: Mitten in der Weltwirtschaftskrise wird mit dem Neubau der Tabakfabrik der Grundstein für ein einzigartiges Architekturensemble im Stil der Neuen Sachlichkeit gelegt. Die Industriebauten nach den Plänen von Peter Behrens und Alexander Popp sind mittlerweile seit mehr als ein 90 Jahren ein Fixpunkt im Stadtbild von Linz.

Während die Tabakfabrik heute bis auf den Bau 3, an dessen Stelle das Quadrill mit seinem markanten Turm errichtet wird, unter Denkmalschutz steht und sohin nicht mehr um ihren Fortbestand fürchten muss, war in der unmittelbaren Nachbarschaft der Fabrik mit wenigen Ausnahmen nur eines konstant: Die Veränderung, ein Wachsen und Weichen, ein Aufbauen und Abreißen – frei nach dem Motto „Aufschwung durch Transformation“.

Blick auf die Tabakfabrik aus luftiger Höhe im Jahr 1935: Im Umkreis sind viele Flächen noch unverbaut, an der Südseite in der Ludlgasse prägen Bäume das Bild. Foto: Archiv Austria Tabak.

 

Erst seit etwas mehr als zehn Jahren zum Beispiel spiegelt sich in den aufwändig konstruierten Fensterbändern an der Südseite des elegant in eine Kurve übergehenden Bau 1 Richtung Ludlgasse der Bauriegel des Projekts „Wohnen beim Donaupark“, dahinter 13 Wohnwürfel. Dieser Anlage war zunächst 2006 eine wichtige soziale Infrastruktur gewichen: Die Frauenklinik mit ihrer großzügigen Parkanlage wurde nach 163-jährigem Bestehen in unmittelbarer Nähe zur Tabakfabrik geschlossen und an den neuen Standort in der Krankenhausstraße verlegt. Ihr Platz verwandelte sich für einige Zeit in eine grüne Wiese, ehe mehr als 30.000 Quadretmeter mit dem Projekt von LAWOG und GWG verbaut werden sollten.

Grüne Wiese: Nach dem Abriss der Frauenklinik war die Tabakfabrik von der Lederergasse aus einige Zeit in ihrer ganzen Pracht zu sehen. Foto: Volker Weihbold

 

Heute wohnen nicht nur viele Mitarbeiter*innen von Unternehmen aus der Tabakfabrik dort, im Viertel ist eine gute Nachbarschaft entstanden. Die Tabakfabrik-Community schätzt nicht zuletzt die Infrastruktur an der Ecke Ludlgasse/Gruberstraße – von der Bankfiliale über die Bäckerei bis zu Sportgeschäft und Gastronomie. Insgesamt umfasst die Anlage „Wohnen beim Donaupark“ 416 Wohnungen, knapp die Hälfte in Niedrigenergiebauweise, sowie 440 Tiefgaragenplätze und fünf Tiefgarageneinfahrten, was nicht zuletzt zu einem erheblichen Zuwachs des motorisierten Individualverkehrs in der Ludlgasse führte – dort befinden sich gleich drei Einfahrten auf eine Länge von gut 100 Metern.

Blick von der Anlage „Wohnen beim Donaupark“ auf die Tabakfabrik. Foto: Weihbold

 

Bei Fertigstellung des Quadrill im Jahr 2025 wird es auf beiden Seiten der Ludlgasse Wohnungen, Büros, Geschäfte und Grünflächen geben. An ihrer Nordseite, im Quadrill und im Altbestand Tabakfabrik, ist die Verdichtung auf nahezu identer Fläche wie im Süden intensiver und aus Perspektive einer effizienten Flächennutzung wohl auch klüger: Rund 3000 Personen werden dort leben und arbeiten. Dazu kommen unzählige Gäste und Passanten, weil die Tabakfabrik auch als öffentlicher Raum wertvoll ist: der Innenhof hat das Potenzial, zu einem zweiten Linzer Hauptplatz zu werden.

Neue Wege, grüne Inseln, Ruhezonen, Schanigärten: Bis 2025 soll die Tabakfabrik so autofrei wie möglich sein. Dadurch entsteht viel Platz für innerstädtisches Leben. Visualisierung: Korbwurf Landschaftsarchitektur

Grünflächen haben in der Tabakfabrik einen großen Stellenwert – vom im Westen gelegenen Quadrill bis zum Urban Canyon zwischen den Magazinen im Osten des Areals. Während es in den Kindertagen der Fabrik in den 1930ern nur wenige – mittlerweile große – Bäume gab, wurden allein im Vorjahr 60 Bäume gepflanzt. Bei Fertigstellung des Quadrill sollen es mehr als 100 Bäume am Areal sein. Visualisierung: Korbwurf Landschaftsarchitektur

 

An einen Park erinnert die Anlage „Wohnen beim Donaupark“ nur entfernt. Der Park ist weiter nördlich zu suchen, unten an der Donau. Im historischen Kontext befand er sich auch einmal dort, wo jetzt Wohnbauten und Tiefgarageneinfahrten ihren Platz haben. Alte Aufnahmen jedenfalls zeigen im Umkreis der Tabakfabrik, die letztendlich auf eine mehrere Jahrhunderte lange Industriegeschichte bis ins Jahr 1668 (Wollzeug- und Teppichfabrik) bzw. 1850 (Tabakfabrik als Notstandsmaßnahme) zurückblicken kann, mächtige Bäume, parkähnliche Anlagen und auch landwirtschaftliche Flächen. Der Wandel der Flächennutzung im Lauf der Jahrzehnte und Jahrhunderte ist somit auch ein Spiegel der Stadtentwicklung mit konstant wachsender Bauverdichtung.

Umstritten: Sprengung der barocken Fabrikskaserne im November 1969. Foto: Archiv der Stadt Linz

 

Der Bau 3 der Tabakfabrik an der Gruberstraße ist wohl ein Paradebeispiel für Veränderung. An seiner Stelle befand sich bis ins Jahr 1969 ein Teil der Linzer Wollzeugfabrik, der einst größten Textilmanufaktur Europas nach den Plänen von Barockbaumeister Johann Michael Prunner. Mehr als eine Tonne Sprengstoff waren notwendig, um das schlossartige Gebäude 243 Jahre nach dessen Bau dem Erdboden gleichzumachen. Die Sprengung war mehr als umstritten. Architekt Friedrich Achleitner sprach von einem „Demolierungsskandal“.

Luftaufnahme Anfang der 1980er, im Bildvordergrund der neu errichtete Bau 3. Foto: Archiv der Stadt Linz

 

Anfang der 1980er sollte die Austria Tabak jene Bauteile der Linzer Fabrik errichten, deren Tage nun gezählt sind und die bald Platz machen werden für ein neues Kapitel im Umfeld der denkmalgeschützen Behrens-Bauten – das Quadrill. Wir sind gespannt auf das Kommende und freuen uns, die Tradition der guten Nachbarschaft weiter fortführen zu können.

Das Projekt Quadrill wird bis 2025 realisiert: Der Innenhof der Tabakfabrik wird dann weitgehend autofrei sein und mit Gastronomie, Sitzgelegenheiten und vielen Bäumen zum Verweilen einladen.  Visualisierung: zechner.com – expressiv.at

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