Kollaborativer Konzern: Neue Arbeitswelten in der Tabakfabrik Linz

Bildcredit: Axis | Elisabeth Fehkührer

Die Arbeitswelt erfährt seit einigen Jahren einen grundlegenden Wandel. New Work, ein Ausdruck, den der austro-amerikanische Sozialphilosoph Frithjof Bergmann entwickelte, ist der Inbegriff für diese Transformation. Die Auslöser für diese Entwicklung sind vielfältig. Neue Technologien, Digitalisierung, Automatisierung, Globalisierung, demographischer Wandel und die allumfassende Vernetzung sind unter anderem Ursachen für die radikale Veränderung unserer Arbeitswelt – von der Industriegesellschaft zur Kreativökonomie. Ein Ort, an dem New Work längst zur Realität wurde, ist der Coworking-Space Axis in der Tabakfabrik Linz. Im Gespräch mit drei verschiedenen Mitgliedern von Axis begeben wir uns auf die Spuren der neuen Arbeit.

Die industrielle Revolution hatte früher mit punktgenauer Arbeitsteilung, klaren Hierarchien sowie festen Kommando- und Zeitstrukturen das klassische Bild von Arbeit geprägt. Diese Strukturen sind heute weitgehend obsolet.

„Wir sind insofern ein gutes Beispiel für New Work, als Hoylu eigentlich ein schwedisches Unternehmen ist aber in Schweden nur zwei Mitarbeiter hat. In Linz sind wir zu viert und wir haben einen relativ großen Entwicklungsstandort in Seattle, wo der Hauptteil unseres Engineerings sitzt sowie einige Leute vom Management. Dann haben wir ein Marketing-Office in Florida, wir haben teilweise externe Sales-Verantwortliche im Raum Boston, in Amsterdam, in London und in Stuttgart. Unser CEO sitzt in Los Angeles, ebenfalls in einem Coworking-Space und wir haben ein Büro in Tokio. Das heißt wir sind wirklich über viele Zeitzonen hin verteilt und müssen viel selbstorganisiert arbeiten“, erzählt Jakob Leitner, einer der Gründer des Start-up-Unternehmens Hoylu und Axis-Member der ersten Stunde.

Erfolg verlangt heute nach Kollaboration unabhängig von Zeitzonen, Orten und Teams. Das Start-up Hoylu vereinfacht diese moderne Zusammenarbeit – mit Unterstützung von Bildschirmen, Projektionssystemen und Geräten entwickelt Hoylu digitale Kreativwände und Whiteboards mit Augmented- und Virtual-Reality-Lösungen.

Hoylu | Bildcredit: Robert Gortana

„Wir sind ein Softwareunternehmen, fokussieren auf Kollaborationssoftware und kommen eigentlich aus dem Bereich der Workshop-Unterstützung. Unser Ziel war es, die verschiedenen Medien in einem Workshop-Raum zu digitalisieren. Das heißt, dass Whiteboards, Flipcharts, Arbeiten mit Post-its, usw. einfach digital erfasst werden – und das aber mit möglichst wenig Einfluss auf die üblichen Arbeitsweisen, also es soll sich möglichst natürlich und analog anfühlen. Aber ich hab den Benefit von einem digitalen Dokument“, so Jakob Leitner.

Hoylu | Bildcredit: Robert Gortana

Durch die Globalisierung und Digitalisierung ergeben sich neue Chancen zeitlicher, räumlicher und organisatorischer Flexibilität, weshalb sich auch Arbeitsräume und Unternehmensstrukturen verändern. Leistungsziele und Arbeitszeit können selbst bestimmt werden, es gibt schnelle Entscheidungsprozesse und weniger Hierarchiestufen. Darüber hinaus zeichnet sich New Work durch flexible Arbeitsorte, wie Home-Office-Möglichkeiten, und frei wählbaren Arbeitszeiten aus. Frithjof Bergmann geht noch einen Schritt weiter und definiert New Work als Befreiung von der Knechtschaft der Lohnarbeit. Als zentrale Werte der neuen Arbeitsweise sieht er in diesem Zusammenhang Selbständigkeit, Freiheit und Teilhabe an der Gemeinschaft.

„Die neue Arbeit wird nicht mehr von 8.00 Uhr bis 5.00 Uhr nachmittags dauern. Man wird künftig schauen müssen, wann man gebraucht wird, wann seine Aufmerksamkeit wo benötigt wird und das auch aktiv steuern müssen. Soziale Fähigkeiten, Kommunikationstalent und Kreativität sind meiner Meinung nach die Kompetenzen der Zukunft. Ich habe gehört, dass 65 bis 70 Prozent der Jobs für die heute unter 10 Jahre alten Kinder noch nicht existieren. Doch nachdem nationale Grenzen für diese Kinder nur mehr auf der Karte existieren werden, bin ich überzeugt davon, dass sie gutes Englisch brauchen“, sagt Monika Laschkolnig.

Monika Laschkolnig

Sie hat vor fast zwei Jahrzehnten sehr erfolgreich die Helen-Doron-Methode zum Erlernen der englischen Sprache für Kinder in Österreich aufgebaut. Die britische Linguistin Helen Doron revolutionierte den Englischunterricht für Kinder, indem sie eine Methode entwickelte, die den Muttersprachenerwerb von Kleinkindern imitiert. Im Zuge ihrer Tätigkeit hat Monika Laschkolnig flexible, offene Praktiken für ihre MitarbeiterInnen etabliert, die viele Unternehmen erst heute planen und umsetzen.

„2001 habe ich mein erstes Learning Center in Österreich gegründet. Und ab diesem Moment habe ich Frauen und Männer gleich bezahlt. Ich habe immer mit den LehrerInnen besprochen, wann sie arbeiten können und wie viel. Sie haben selbst bestimmt, wie viele Stunden sie arbeiten. Wir haben die Leute schon vor fast 20 Jahren zur Selbständigkeit ermutigt“, erzählt Monika Laschkolnig.

Die kreativen ArbeiterInnen werden zunehmend selbständig und können auch angestellt überall ihrem Job nachgehen. Diese steigende Mobilität insbesondere von Beschäftigten in der Kreativwirtschaft lässt neue Kristallisationspunkte zum Arbeiten und Teilen von Wissen entstehen. Es entstehen Projekte wie die Tabakfabrik Linz, Räume, die viel mehr sind als nur Büros – sie sind Orte der Begegnung und des Austauschs.

„In der Tabakfabrik findet ein Austausch von verschiedenen Disziplinen statt, es gibt viele Veranstaltungen, wo sich die Leute kennenlernen und Anknüpfungspunkte bekommen. Und das ist meines Erachtens für jeden, der kleiner strukturiert arbeitet, ein Riesenvorteil. Denn um Kooperationsmöglichkeiten zu finden oder Empfehlungen zu bekommen braucht es zwei Dinge – ich muss wissen, welche Expertise du hast und ich muss dich mögen. Und dieser Sympathieeffekt entsteht meines Erachtens nach in so einem Mikroklima, wo sich die Leute beim Kaffeetrinken treffen, wo man einmal gemeinsam etwas macht und dadurch eine wesentlich höhere Chance auf Kooperationsprojekte hat“, so Axis Member Claus Zerenko.

Claus Zerenko | Bildcredit: Alois Endl

Unter dem Titel „mehrkundenbitte.com“ verbessert Claus Zerenko den Neukundenakquisitionsprozess von introvertierten oder stilleren KreativunternehmerInnen. Seine „Mehr ideale Kunden“-Methode ist eine Premium-Marketing- und Vertriebsstrategie für Werbeagenturen, Kreativ-Entrepreneure und wissensbasierte Dienstleister, die damit leichter mehr Kunden gewinnen sollen. Das Programm basiert auf dem System „Book Yourself Solid“ des New York Times Bestsellerautors Michael Port, von dem Claus Zerenko persönlich ausgebildet wurde.

„Ich muss den Prozess umdrehen. Ich muss mir zuerst Gedanken darüber machen, wer mein idealer Kunde ist und welche Werte dieser Kunde braucht, um dann im nächsten Schritt sagen zu können, wer meine Zielgruppe darstellt. Der Trick ist dabei, diese Zielgruppe nicht möglichst breit zu gestalten, damit man genügend Aufträge kriegt, sondern so spitz wie nur möglich. Ich sage immer zu meinen KundInnen, dass die Zielgruppe so spitz sein muss, dass alle rundherum sagen: ‚Du hast echt einen Vogel, das geht nie!‘“, verrät Claus Zerenko.

Zusammenfassend steht New Work also für die Flexibilisierung von Arbeitszeit, Arbeitsort und Strukturen, Denkmustern oder Gewohnheiten sowie für kollaboratives, vernetztes Arbeiten. Als kollaborativer Konzern bietet die Tabakfabrik Linz ein Netzwerk, das die Unternehmen und Ich-AGs der Gegenwart verknüpft und fehlende Kompetenzen zu Tage fördert.

Ein Beispiel von Jakob Leitner: „Als Softwareunternehmer haben wir eine relativ starke Fokussierung auf einen gewissen Bereich und demensprechend wissen wir, dass wir mit anderen Leuten, Externen, zusammenarbeiten müssen. Wir suchten nach einem Platz für unser Büro, wo wir das Gefühl hatten, dass jede mögliche andere Kompetenz vor Ort ist. Und das hat sich in der Tabakfabrik gezeigt. So ist unsere erste Website von zwei anderen „Axianern“ umgesetzt worden, unsere Steuerberaterin sitzt im Axis. Unser aktueller Schauraum befindet sich in der Tabakfabrik, bei startup300, was für uns automatisch auch ein Marketingwerkzeug ist. Also die Raiffeisen Bank haben wir wegen unseres Showrooms bei startup300 als Kunden gewonnen. Dieser Netzwerkgedanke war uns wichtig.“

Hoylu | Bildcredit: Robert Gortana

 

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