„SWING TANZEN VERBOTEN“ IN DEN WIENER SOFIENSÄLEN

Fotocredit: Rainer Iglar | Sofiensäle

Die neu restaurierten Sofiensäle eröffnen ihren kulturellen Reigen mit einer Ausstellung aus der Tabakfabrik Linz

VON 12. NOVEMBER BIS 08. DEZEMBER 2014

Die erste Ausstellung, die in den prominenten Wiener Sofiensälen zu sehen ist, seit diese 2001 einem verheerenden Großbrand zum Opfer fielen, entstand zur Gänze in der Tabakfabrik Linz: Die Schau „Swing tanzen verboten“. Ihre morgige Eröffnung bildet den Auftakt für das neue Kulturprogramm der Sofiensäle und erlaubt dem Publikum auch ein Wiedersehen mit dem aufwendig restaurierten Baujuwel, das zuvor als Brandruine ein Jahrzehnt lang im Dornröschenschlaf lag.

Fotocredit: Rainer Iglar | Sofiensäle

Fotocredit: Rainer Iglar | Sofiensäle

Konzipiert und gebaut vom in der Tabakfabrik angesiedelten KünstlerInnenkollektiv argeMarie, ist „Swing tanzen verboten“ das erste Produkt des Projekts „Ausstellungswerft“. Unter diesem Titel positioniert sich die Tabakfabrik Linz nicht nur verstärkt als Anlaufhafen für große Wanderausstellungen, sondern auch als ein Ort der Ausstellungsproduktion. Aufgrund der spektakulären Räumlichkeiten, der großzügigen Hauswerkstätten und der am Areal gebündelten Kompetenzen von Kreativschaffenden mit einem Fokus auf Show Design, Architektur oder multimedialer Inszenierung bietet die Tabakfabrik ideale Rahmenbedingungen für die Gestaltung einer Ausstellung vom Prototypen bis zum Stapellauf.

Die Schau „Swing tanzen verboten“ beleuchtet die Unterhaltungsmusik während der NS-Diktatur im Spannungsfeld von Widerstand, Propaganda und Vertreibung. Ein Thema, das wie maßgeschneidert zur bewegten Vergangenheit der Wiener Sofiensäle passt. Denn in jenen prunkvollen Hallen, die seit jeher als Synonym für walzerseliges Vergnügen galten, wurde 1926 die NSDAP in Österreich gegründet. Ab 1938 dienten die Sofiensäle als Sammelstelle für zur Deportation bestimmte Juden.

Vor der geschichtsträchtigen Kulisse der Sofiensäle lässt die Wanderausstellung „Swing tanzen verboten“ die Unterhaltungskultur ab 1933 wiederauferstehen. Kunstvoll gestaltete Plattencover, Plakate, Kostümbilder, historische Fotos, Zeitungsausschnitte, Notizen und unzählige Musikbeispiele illustrieren die Weltoffenheit und Neuartigkeit der damaligen Populärmusik, geprägt von amerikanischen Jazz- und Swing-Rhythmen, jüdischen Komponisten und frivol-humoristischen Texten.

„Diese Schau spiegelt die Seele der Sofiensäle wider – als Resonanzraum der Geschichte, in dem die Tonleiter die Höhen und Tiefen der jeweiligen Gesellschaftsform abgebildet hat. Gleichzeitig markiert die Eröffnung der Ausstellung den Beginn einer intensiveren Zusammenarbeit zwischen der Tabakfabrik Linz und den Sofiensälen Wien“, sagt Tabakfabrik-Direktor Chris Müller.

DIE AUSSTELLUNG „SWING TANZEN VERBOTEN“ IN „SOFIES SALON“ | SOFIENSÄLE WIEN

Öffnungszeiten: Montag bis Sonntag, jeweils 10.00-18.00
Ausstellungsdauer: 12. November bis 08. Dezember 2014

Fotocredit: argeMarie

Fotocredit: argeMarie

DETAILINFORMATIONEN ZUR AUSSTELLUNG

„Swing tanzen verboten“: Unterhaltungsmusik nach 1933 zwischen Widerstand, Propaganda und Vertreibung

Wanderausstellung von argeMarie – Architektur und Szenografie | Tabakfabrik Linz

Das Jahr 1933 bedeutete einen gewaltigen Einschnitt auch für die Unterhaltungskultur. Dies war im Besonderen von moderner Tanzmusik, Einflüssen aus Amerika, frivol-humoristischen Texten und jüdischen Komponisten, Librettisten und Interpreten geprägt. All dies war den Nationalsozialisten ein Dorn im Auge: Rückbesinnung auf „heimische“ Melodien, auf „arische“ Künstler und „brave“ Texte standen im krassen Gegensatz zu einer der erfolgreichsten Phasen der mitteleuropäischen Unterhaltungsbranche, die weltoffen und modern war.

„Der Untergang der Wiener Operette im Judentum“ übertitelte Der Stürmer am 9.6.1934 die „Aufzeichnungen eines abgebauten Operettenstars“: „Wer wollte auch auf den Gedanken verfallen, dass gerade die Juden es sein sollten, die in einem knifflig und perfid geführten unterirdischen Feldzug im Laufe von wenigen Jahrzehnten das ganze Gebiet der wienerischen Musik erobern konnten, sodass durchaus keine Übertreibung ausgesprochen wird, wenn man hinsichtlich dessen, was heute als wienerische Musik „international“ gepriesen wird, die Begriffe von „Wienerisch“ und „Jüdisch“ gleichsetzt.“ Die jüdischen Künstler wurden vertrieben, verhaftet und ermordet – und mit ihnen eine ganze unwiederbringliche Kultur.

Die Ausstellung ist dreigeteilt: „Arisierte“ Unterhaltungsmusik stellt die Unterhaltungskultur nach 1933 und die Propaganda in Deutschland in den Mittelpunkt, „Vertriebene“ Unterhaltungsmusik den Brain Drain in die USA und andere Länder, die Zuflucht boten, und „Ermordete“ Unterhaltungsmusik all die Künstler, die ermordet wurden und selbst noch in den Konzentrationslagern Unterhaltungsmusik aufführten und komponierten.

In Deutschland mussten Ersatzwerke geschaffen werden, um die große Nachfrage nach Operette und Unterhaltungsmusik weiter zu befriedigen. So wurde aus Emmerich Kálmáns Gräfin Mariza Nico Dostals Ungarische Hochzeit, Paul Abrahams Ball im Savoy wandelte sich zu Fred Raymonds Maske in Blau und die Kulissen zu Erik Charells Weißem Rössl mussten eine Weiterverwendung finden. Fred Raymond schrieb daher Saison in Salzburg.

Komponisten, Librettisten und Interpreten fanden Zuflucht in den USA, doch nur wenigen gelang es, dort künstlerisch zu reüssieren und den in Europa begonnen Erfolg fortzusetzen. In England entstand die einzige Operette, die die Nazi-Verfolgung thematisierte: Ivor Novellos The dancing years aus dem Jahr 1939.
In einigen Konzentrationslagern wurden Operetten aufgeführt: Von den Häftlingen für andere Häftlinge oder aber für die Wachmannschaften. Außerdem hatte jedes Lager seine „Lagerhymne“, so schufen Hermann Leopoldi und Fritz Löhner-Beda das berühmte Buchenwald-Lied.

Nach 1945 gab es in Europa so gut wie keinen Bruch: Kontinuität stand im Mittelpunkt, das Bestreben, die vertriebene Kultur wieder zu beleben, war enden wollend – die Biederkeit der 1950er Jahre setzte die Nazi-Ideologie auf ihre Weise fort: Für Jazz und moderne Tanzmusik bestand nur wenig Interesse. Erst in den vergangenen Jahren erwachte wieder das Interesse für die Modernität der Zwischenkriegszeit – eine Chance, ein ganzes Genre zu rehabilitieren und ihren Schöpfern die Geschichte zurückzugeben.

(Text von Dr. Marie Theres Arnbom, Kuratorin der Ausstellung „Swing tanzen verboten“)

Fotocredit: argeMarie

Fotocredit: argeMarie

AUSSTELLUNGSKURATORIN: HISTORIKERIN DR. MARIE THERES ARNBOM
Seit 1998 veröffentlicht Marie Theres Arnbom einerseits Bücher und Beiträge zu zeit- und kulturhistorischen Themen und ist andererseits auch im musikdramaturgischen Bereich tätig, wo sie für die großen österreichischen Konzertveranstalter zahlreiche Programmhefte und Artikel schreibt. Als Kuratorin verwirklicht sie für die führenden österreichischen Museen und Veranstalter Ausstellungen, die historische und kulturgeschichtliche Themen in Szene setzen. 2004 gründete sie das Kindermusikfestival St. Gilgen, das seither ein nicht mehr wegzudenkender Bestandteil des Musiksommers im Salzkammergut ist.
www.arnbom.com

 

AUSSTELLUNGSGESTALTUNG UND UMSETZUNG: ARGEMARIE
argeMarie ist eine Arbeitsgemeinschaft mit Schwerpunkt auf Ausstellungsarchitektur, Szenografie und Signaletik. argeMarie arbeitet seit über 10 Jahren in verschiedenen Bereichen der Entwicklung von Ausstellungen für Museen und szenischer Architektur. Aufgabenbereiche sind: Medieninstallation, Grafik, interaktive Vermittlung, Konzeption und Entwurf bis zur Ausführung und Unterstützung der kuratorischen Tätigkeit.
www.argemarie.at

 

Die Ausstellung wurde von EntarteOpera, unter der Leitung von Susanne Thomasberger, in Auftrag gegeben. Zum ersten Mal gezeigt wurde sie in der Tabakfabrik Linz im Rahmen des internationalen Brucknerfests 2014.
www.entarteopera.com
Realisiert werden konnte die Ausstellung ursprünglich mit Unterstützung des Nationalfonds der Republik Österreich.

 

RÜCKFRAGEN:
Tabakfabrik Linz
Nina Fuchs – nina.fuchs@tfl.linz.at – +43 664 / 88 68 38 77

Fotos in höherer Auflösung finden Sie auf der Homepage der Tabakfabrik Linz zum Download unter:
www.tabakfabrik-linz.at/presse/
Die Verwendung der Fotos wird im Zuge der Berichterstattung über die Tabakfabrik Linz unter Angabe der jeweiligen UrheberInnen honorarfrei gestattet.

swing tanzen verboten Plakatsujet

 

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