Tabakfabrik TV: Rückblick und Kommentar zur Zersiedlung

In der ersten Sendung unseres neuen Kommunikationsformats Tabakfabrik TV war der Linzer Architekt Andreas Kleboth bei Christian Diabl zu Gast. Das zentrale Thema war Stadtentwicklung in vielen verschiedenen Aspekten, ein Thema, dass auch die Tabakfabrik selbst betrifft und in dessen Kontext wir unser Projekt auch sehen. Nach der Sendung hat sich noch ein vertiefendes Gespräch über die Zersiedlung Österreichs gegeben, als Folge einer unstrukturierten Raumordnungspolitik. Andreas Kleboth hat uns freundlicherweise dazu noch einen spannenden Text verfasst:

Andreas KlebothDie unüberlegte Zersiedlung von riesigen Landflächen ist eine der Erbsünden unserer Gesellschaft. Da werden Tag für Tag tausende Quadratmeter Landschaftsraum dem Einfamilienhausbau und den Fachmarktzentren auf der ehemals grünen Wiese samt Verkehrsinfrastruktur geopfert, ohne dass dabei ein gesellschaftlicher Mehrwert geschaffen wird. Und das obwohl die Ressource ‚Boden‘ immer einzigartig ist und nicht vermehrt werden kann.

Neben den moralischen und ökologischen Bedenken, stellt die Zersiedelung auch einen ökonomischen Irrtum dar, ist Geldvernichtung auf allen Ebenen: im öffentlichen Bereich werden Millionen für die Bereitstellung, Betrieb und Erhaltung der Infrastruktur aufgewandt. Und auch der private Häuslbauer verliert bei der Umsetzung des Traums vom ‚Haus im Grünen‘ viel Geld. Meistens sind Grundstückskauf und Hauserrichtung wesentlich teurer, als der gemeinsame Wert von Haus auf dem Grund.

Denn durch das beliebige und gestaltlose Nebeneinander der Neubauten entsteht in aller Regel kein Mehrwert, keine hochwertige Adresse, keine Aufwertung von Grund und Boden sondern eine weitere gesichtslose, austauschbare Siedlung.

Denn jeder Ort, jedes Ensemble braucht eine Idee. Ein gemeinsames Ziel, bei dem öffentliche Interessen über die Einzelinteressen gestellt werden. Nur so kann ein inspirierender und umfassend wertvoller (im Englischen differenziert durch die zwei Begriffe ‚valuable‘ und ‚worthful‘) Ort entstehen.

Das gilt auch für bestehende Städte: Am Anfang jeder Entwicklung sollte eine spannende Leitidee stehen!

Und je attraktiver unsere Städte sind, desto begehrenswerter wird das Leben in der Stadt. Und umso mehr Menschen ziehen das Wohnen in der urbanen Gemeinschaft dem Häuschen im Grünen vor.

Da unsere Gesellschaft und die unsere jeweiligen Ansprüche immer heterogener werden, wird wohl nur eine vielfältige Stadt diesen Ansprüchen umfassend gerecht. Vielfalt meint dabei nicht Beliebigkeit, sondern das Bereitstellen von weitgehend unterschiedlichen, bewusst gestalteten Angeboten, Atmosphären, Nutzungen, Gemeinschaften und Designs.

Gerade für diesen Anspruch hat Linz sehr gute Voraussetzungen. Anders als vergleichbare österreichische Städte wie Innsbruck, Salzburg oder Graz ist in Linz die Altstadt nicht das alles dominierende Zentrum. Das erleichtert es, Linz zu einer polyzentralen, diversifizierten Stadt weiter zu entwickeln. Linz als Stadt der Gegensätze, der Widersprüche, der Vielfalt, der Möglichkeiten.

Und es ist gesellschaftliche Verpflichtung der Kreativen und Freidenker Ideen und Konzepte für das Linz der Zukunft zu liefern, zu diskutieren und konkrete Umsetzungen vorzuschlagen. Denn erst wenn klare Visionen aufgezeigt sind, können diese von vielen mitgetragen und realisiert werden.

Derartige Initiativen sollten jetzt und in Zukunft von der Tabakfabrik ausgehen.Die Tabakfabrik und deren Umfeld könnten mittelfristig zu einem Zentrum der Kreativität, des gemeinschaftlichen Arbeitens und Lebens unter Berücksichtigung ökologischer und sozialer Faktoren – also ein Beispiel für Urbanität des 21. Jahrhunderts – werden.

Und als solches könnte der ‚Stadtteil Tabakfabrik‘ ein Attraktor für Menschen werden, die ihre eigenen Wege gehen wollen ohne dabei als Erstes an den Zugang zu ihrem Haus zu denken.

— Andreas Kleboth

Die ganze Sendung gibt es für alle Neugierigen zum Nachsehen im Dorf TV Archiv:

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