Urbahn – neue Wege schaffen

Vom Ausblick auf große graue Mauern gelangweilt, hat der 42-jährige Leonhard Gruber die Linzer Hafengegend in eine Kunstgalerie verwandelt, die ihresgleichen sucht. Seit 15 Jahren ist er selbstständig und führt eine kleine Agentur für Subculture Branding und Events.  Was als harmloses Hobbyprojekt und mehr aus persönlichem Interesse heraus begonnen hat, ist nun eine gern besuchte Werkstätte für Künstler aus aller Welt. Mit uns sprach er über Themen wie den Beginn des Projektes Muralharbor, die Verbindung zur Tabakfabrik und den in der Szene sehr bekannten „Lushsux“ der sich regelmäßig vom britischen Street-Art Künstler Banksy seine Aufträge abholt. Im Moment in Linz zu Besuch, hat Lushsux kürzlich begonnen, den Zugwaggon in der Tabakfabrik zu besprühen.

Leonhard Gruber im Gespräch mit Chris Müller. Foto: TFL

Der Start

Im Jahr 2014 startete das Projekt für Leonhard Gruber mehr oder weniger aus einer Laune heraus. Ohne das wirkliche Ziel ein berufliches Projekt zu erschaffen, war für ihn primär im Fokus, die eigene Aussicht vom Arbeitsplatz auf den Hafen zu verschönern. Im Nachhinein meint er: „eigentlich ein Wunder, dass sich das noch niemand vor mir gedacht hat.“ Und mehr überraschend als die Idee selbst war für ihn, dass diese Vision von der Linz AG sofort unterstützt wurde und die ganze Aktion im Prinzip ausschließlich positive Reaktionen hervorgerufen hat. Auf die Nachfrage, ob es dann doch irgendwelche Schwierigkeiten gegeben hat, antwortet Gruber: „Hürden hat es eigentlich kaum gegeben, es war mir fast zu wenig Widerspruch, auch in der Öffentlichkeit, weil man will ja eigentlich ein bisschen subversiv sein mit Graffiti, aber kein Mensch hat sich aufgeregt.“ Die schwierigeren Aufgaben waren laut ihm eher, ein System der Zusammenarbeit zu finden, um dann auch sehr frei arbeiten zu können und den Künstlern die absolute Freiheit über ihre Werke bieten zu können.

Foto: Volker Weihbold

Das System – Kunst braucht Freiheit

Um den Künstlern alle Freiheiten zu geben, musste zu Beginn ein System entwickelt werden, dass für alle Beteiligten funktioniert. Die Angst der Verantwortlichen, dass am Ende eine riesige Wand mit obszönen oder gar illegalen Motiven zurückbleibt, wurde weggenommen, indem man sich bereit erklärte Unpassendes und Unerwünschtes sofort wieder zu übermalen. Der Versuch eines Vorentwurfs ist etwas, dass in dieser Szene nicht gut funktioniert und auch nicht zum Finanzmodell passt. „Die allererste Wand ist wieder übermalt worden und das war genau die bei der es einen Entwurf gegeben hat und wo alle mitgeredet haben und dabei ist etwas völlig Unbefriedigendes herausgekommen.“ Darum wird den Künstlern nun, mit der Möglichkeit im Fall der Fälle ein Werk wieder zu übermalen, die volle Freiheit über ihre Kreationen gelassen. Hinzu kommt, dass eine Vorbesprechung bzw. Entwürfe dazu führen würden, dass das Projekt als offizieller Auftrag gesehen wird, wofür man die Künstler dementsprechend bezahlen müsste. Eine Gage gibt es für die Sprayer nämlich nicht, trotzdem muss Gruber immer mehr und mehr Künstlern absagen, weil die Zahl der Anfragen einfach zu hoch ist. Das Angebot im Linzer Hafen ist für viele offensichtlich viel interessanter. „Wir geben euch die Möglichkeit, die beste Wand eures Lebens zu malen bei uns, wir haben riesige Wände, wir kümmern uns um euch, es wird gutes Essen geben, die Arbeitsbühne wird funktionieren, es werden alle Farben da sein die ihr bestellt habt, und ihr könnt völlig frei arbeiten“, verspricht Gruber. Dabei steht das Team für perfekte Arbeitsbedingungen, nettes Hosting und „super Wände“ ein. Durch die Unterstützung von Hafen und Linz AG und mit einem steigenden Eigenmittelanteil werden die Produktionskosten für Kunstwerke finanziert. Die Arbeit von Gruber und seinem Team sieht Direktor der Tabakfabrik Chris Müller als eine große Leistung für die Stadt Linz und sichert von Seiten der Tabakfabrik jegliche Unterstützung zu.

Foto: TFL

Die Tabakfabrik

Für Leonhard Gruber ist die Tabakfabrik der Motor im Hafenviertel, die nicht nur als Magnet, sondern vor allem als Verteiler eines großen Publikums arbeiten kann. Er sieht hier eine große Chance, in einer gezielten Kollaboration dieses progressive Viertel in den nächsten Jahren voranzutreiben und das große Potenzial, dass sich durch eine Zusammenarbeit ergibt, auszuschöpfen. Die Idee einer Aorta, die wie ein „Wanderweg“  von der Tabakfabrik zum Posthof und dann zur Hafengalerie führt und zur Vernetzung von Hafen und Tabakfabrik beitragen soll, findet Gruber sehr gut. Diese Aorta könnte die nächsten Jahrzehnte, speziell im Hafenviertel, prägen und nimmt sich ein Beispiel an der High Line in New York. Eine derartige Verbindung wäre auch für die Tabakfabrik wünschenswert meint Chris Müller: „So wie ich persönlich, finden auch unsere BesucherInnen und MieterInnen, das Hafenviertel und den Muralharbor, sehr anziehend.“ Die Tabakfabrik könnte dabei die Funktion eines Brückenkopfs, zwischen dem Hauptplatz und dem Hafen, einnehmen und somit die Erweiterung der Stadt Richtung Osten weiter fördern. Konkret kann sich Gruber auch vorstellen im Zug in der Tabakfabrik ein kleines Office einzurichten, um dort Tickets für die Hafengalerie zu verkaufen und einen zentraleren Standort zu besetzen, durch den ein größeres, diverses Zielpublikum angesprochen werden kann.

Ausschnitt aus dem „Secret Buker of Love“. Foto: Volker Weihbold

Lushsux

Sein Spitzname ist „graffiti asshole“, aber Banksy nennt ihn „the world´s most entertaining vandal“. Der australische Künstler Lushsux der für seine politischen, provokanten Werke bekannt ist, hat seinen Aufenthalt in Österreich bereits mehrmals verlängert und bereits mehr als 20 Bilder in seinem „Secret Bunker of Love“ fertiggestellt, der am 22. September für Kunstbegeisterte geöffnet wird. Nur für kurze Trips nach Bethlehem, um sich Aufträge vom großen Banksy höchstpersönlich abzuholen, unterbrach er hin und wieder seinen bislang zweimonatigen Aufenthalt. Als Maler der Meme Kultur schafft er sich durch seine analogen Bilder einen Platz in einer Zeit, in der Digitalisierung allgegenwärtig ist. Er beeindruckt vor allem durch tagesaktuelle, kritische Themen und zeichnet sich durch seine Interaktion mit seinen Fans aus, denen zum Teil die Möglichkeit gegeben wird, die künstlerische Umsetzung des Sprayers zu beeinflussen.  Ob Hilary Clinton in Bikini und Burka oder ein Donald Trump, Kim Jong-Un Faceswap, es gibt sehr wenig, wovor der Australier zurückschreckt, dessen aktuelles Projekt der Zug in der Tabakfabrik ist. Infos zur „Secret Bunker of Love Tour“ findet ihr HIER.

Foto: Volker Weihbold

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