Lehren aus Corona #1

Von veränderten Ritualen, unserer Anpassungsfähigkeit und virtueller Kompensation

Als wir Kinder waren, lehrten uns Eltern und Großeltern das richtige Grüßen. Dem Gegenüber die Hand zu reichen, sie zu drücken und zu schütteln waren dabei zentrale Elemente. Über die Jahre haben wir Tausende, vielleicht Zehntausende Hände geschüttelt. Manchmal war die Hand des Anderen feucht, manchmal der Druck zu sanft, manchmal glitten die Hände nicht richtig ineinander. Große Gedanken über das Händeschütteln haben wir uns nie gemacht. Wir hatten auch keinen Grund dazu.

Jetzt ist auf einmal alles anders. Wir rücken zusammen, indem wir zueinander Distanz halten. Händeschütteln ist undenkbar, zumal mit Personen, die nicht dem engsten Familienkreis angehören. Bis wir dieses Ritual der gegenseitigen Wertschätzung und Aufmerksamkeit wieder nahezu automatisch durchführen werden, dürfte es Monate dauern, vielleicht auch länger.

Vor einem Jahr hätte wohl niemand darauf gewettet, dass es im März 2020 eine in letzter Konsequenz tödliche Gefahr sein könnte, jemanden die Hand zu reichen. Doch mit der Corona-Krise ist etwas eingetreten, das vielfach als „schwarzer Schwan“ bezeichnet wird. Ein Ereignis, das nach Nassim Nicholas Taleb selten und höchst unwahrscheinlich ist.

Der SCHWARZE SCHWAN

Dieser „schwarze Schwan“ zwingt uns, unser Verhalten in vielen Bereichen des Lebens völlig auf den Kopf zu stellen. Die Veränderung geschah in einer Geschwindigkeit, die viele überforderte. Von den persönlichen Herausforderungen für jeden einzelnen von uns ganz zu schweigen, mussten große wie kleine Unternehmen ihren Betrieb binnen weniger Tage auf Home Office umstellen. Besprechungen, die über Jahre hinweg am immer gleichen Ort zur immer gleichen Zeit stattfanden, werden nun völlig flexibel nicht mehr im Büro, sondern virtuell durchgeführt – als Videokonferenz. Kommunikationsdienste wie Slack ersetzen den Weg in andere Büros und sind nebenbei auch Kanal für den Firmentratsch.

In einer Krise, in der wir uns physisch nicht mehr begegnen sollen und dürfen, hängt das Geschäftsleben in vielen Wirtschaftsbereichen an starken Datenleitungen, guter Software und robuster Hardware. Und siehe da, es funktioniert. Wenn auch mit Abstrichen und Umstellungsschwierigkeiten. Wer bis jetzt nach der Sinnhaftigkeit des Internets gefragt hatte, dürfte spätestens in dieser Krise eine klare Antwort erhalten haben. Corona führt uns die großartige Anpassungsfähigkeit des Menschen vor Augen: Im privaten wie im beruflichen. Wir sind plötzlich imstande, vorhandene Infrastruktur und technische Möglichkeiten optimal zu nutzen und lernen dabei Dinge, die wir bisher nicht konnten.

Ist weniger auf einmal mehr?

Nicht minder spannend als die aktuelle Lage ist die Situation in einigen Monaten. Eine Rückkehr zur Normalität vorausgesetzt, werden wir versuchen, aus der Krise zu lernen. Viele Unternehmen könnten sich die Frage stellen: Wozu eigentlich noch ein zentrales Büro? Wofür regelmäßige Meetings vor Ort, zu denen Mitarbeiter aus den unterschiedlichsten Himmelsrichtungen anreisen, dafür mit dem Auto im Stau stehen, das Flugzeug nehmen müssen. Ist weniger dann auf einmal mehr? Wir könnten dem persönlichen Treffen mehr Bedeutung verleihen und gleichzeitig weniger wichtige geschäftliche Rituale in den virtuellen Raum verlagern. Aus Effizienzgründen, aus Gründen der Zeitökonomie und hoffentlich auch im Sinne des Umweltschutzes. Die technischen Möglichkeiten dazu sind gegeben.

Die Maßnahmen gegen Corona lassen uns vieles schmerzlich vermissen. In der beruflichen Sphäre fehlt uns Kontakt und Austausch mit lieben Kollegen, der tägliche Weg zur Arbeit, die Atmosphäre im Büro. Wir merken, dass die virtuelle Kompensation dieses Berufsalltags, dass Telefonate, Videokonferenzen und Direktnachrichten kein adäquater Ersatz sind für persönlichen Kontakt. Für die Exzellenz von „echten Menschen“, denen man gegenübersteht und „echten Räumen“, in denen man sich bewegt. Vielleicht für deren Aura, um mit Walter Benjamin zu sprechen.

Lesen Sie in Teil 2, warum die Sehnsucht nach einem Ort wie der Tabakfabrik mit jedem weiteren Tag der Corona-Krise wächst

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