Alte Liebe rostet nicht: Tabakfabrik und ihr „Werksverein“ rücken enger zusammen

    1. Sportlich-kreativer Doppelpass: Den FC Blau-Weiß Linz und die Tabakfabrik verbindet eine lange gemeinsame Geschichte. Ab sofort liefern sich der Stahlstadtklub und das Kreativareal gegenseitig Steilvorlagen für neue Erfolge. Anpfiff für die Zusammenarbeit ist die Leitbildpräsentation der Blau-Weißen am 13. und 14. Februar in der Tabakfabrik. Ein Blick zurück, aufs Heute und nach vorne.

    2. März 1934: Mit der Fertigstellung der Tabakfabrik Linz nach den Plänen der Architekten Peter Behrens und Alexander Popp wird auch der Betriebssportverein der Austria Tabak unter dem Namen „S.V. Tabakfabrik Linz“ gegründet.  Der Verein startet zunächst mit zwei Sektionen, Fußball und Faustball. Nur ein Jahr später entsteht in unmittelbarer Nähe der Fabrik und der Werkswohnungen eine Sportanlage, die bis heute – auch nach Einstellung der Tabakproduktion im Jahr 2009 – weiterbesteht. Ebenjener Donaupark, nur ein paar Steinwürfe von der ehemaligen „Tschickbude“ entfernt, ist Heimstätte des FC Blau-Weiß Linz. Oder besser eine der Heimstätten, denn in der Ersten Liga muss zuhause im Linzer Stadion auf der Gugl gespielt werden. Und trotz dieser neuen örtlichen Distanz ist die Tabakfabrik keinem anderen Linzer Klub näher als den Blau-Weißen.

     

      1. Mai 1997: Im Linzer Fußball kommt es zu einer Fusion, die jahrzehntelang als undenkbar galt. Der traditionsreiche SK VÖEST, 1973/1974 österreicheischer Fußballmeister und mittlerweile in FC Linz umbenannt, geht ausgerechnet im Stadtrivalen LASK auf. Treue Fans stehen gleichsam über Nacht vor dem Nichts, sollten aber bald eine neue Heimat finden, als im Sommer desselben Jahres der FC Blau-Weiß Linz entsteht. Eine „Notgeburt“, die zugleich offizieller wie informeller Nachfahre zweier traditionsreicher Linzer Vereine werden sollte. Dem einen, mittlerweile in SV Austria Tabak umbenannten SV Tabakfabrik, drohte schon kurz davor das Aus. Denn mit der Teil-Privatisierung der Austria Tabak lösten sich auch die finanziellen Zuwendungen für den in er 1. Landesliga spielenden Werksverein in Luft auf, der Klub lag in den letzten Zügen. Die Rettung: Ein „Joint Venture“, wie es Andreas Kump im Buch „Erstmals zurück“ beschreibt. Indem sich die Anhänger von SV Austria Tabak und FC Linz unter Federführung des späteren Langzeit-Präsidenten Hermann Schellmann zusammentun, wird am 1. August 1997 offiziell der FC Blau-Weiß Linz gegründet. Der muss dank der Landesliga-Lizenz des SV Austria Tabak nicht ganz unten anfangen und hat mit dem „Tschickbudenplatz“ in der Straßerau auch gleich eine neue Heimstätte, die in Zukunft Donaupark-Stadion heißen wird. Schon am 2. August 1997 gelingt den vereinigen Blau-Weißen als neuer Club der erste Erfolg: In Runde eins des ÖFB-Cups wird Bad Schallerbach mit 2:0 besiegt.

       

      1. 20 Jahre nach seiner Gründung ist der FC Blau-Weiß eine feste Fußball-Institution in Linz – und weit darüber hinaus. In der zweithöchsten Liga Österreichs angekommen, kämpft der Stahlstadtklub nach einer turbulenten Hinrunde um den Klassenerhalt. Der Herbst stand auch im Zeichen personeller Veränderungen: So trennte sich der Klub von Langzeitcoach Willi Wahlmüller,  Vereinsgründer Hermann Schellmann kündigte an, den FC Blau-Weiß Linz bis zum Sommer neu zu strukturieren und sich dann als Präsident zurückzuziehen.

        Blau-Weiß Linz kämpft im Frühjahr um den Klassenerhalt in der Ersten Liga, der zweithöchsten Spielklasse Österreichs. Foto: Markus Kapl

        Neue Ära

        Ein Meilenstein auf diesem Weg ist das neue Leitbild des Vereins, das am 13. und 14. Februar in der Tabakfabrik Linz präsentiert wird. Zunächst dem Vorstand, im Anschluss der Presse und den Mitgliedern. „Die Tabakfabrik Linz ist nicht nur die Kreativschmiede in Linz, sondern auch ein Wahrzeichen. Wir freuen uns als Linzer Stadtverein daher sehr über diese Partnerschaft, die ja geschichtlich betrachtet perfekt passt. Hier ist einfach zusammengekommen, was definitiv auch zusammenpasst. Für uns ist diese Zusammenarbeit mit der Tabakfabrik Linz auch ein Startschuss in eine neue Ära, und wir sind sehr dankbar, dass uns durch diese Partnerschaft viele neue und bislang nicht vorhandene Möglichkeiten eröffnet werden“, sagt Christian Wascher, Marketingvorstand des FC Blau Weiß Linz.

        So bietet die Tabakfabrik den Blau-Weißen ein ideales Biotop für Veranstaltungen – vom Mitgliedertreffen über Pressekonferenzen und Fotolocations bis hin zur Vorstandssitzung. „Die Tabakfabrik ist mit Blau-Weiß Linz durch die Vergangenheit verbunden und jetzt möchten wir an einer guten gemeinsamen Zukunft arbeiten. Ich freue mich auf dieses Tiki-Taka“, sagt Chris Müller, Direktor für Entwicklung, Gestaltung und künstlerische Agenden der Tabakfabrik Linz.

        Sport – Ein Volltreffer für das Betriebsklima

        Sport, insbesondere der Fußball, hatte in den Betrieben der Austria Tabak lange Tradition und großen Stellenwert. Höhepunkte des Vereinslebens waren Wettbewerbe und Turniere, die innerbetrieblich und zwischen den einzelnen Standorten ausgetragen wurden. Die Bedeutung der Freizeitangebote beschreibt Georg Wagner, damals Produktionsleiter in der Tabakfabrik Linz, im Buch „Ohne Filter. Arbeit und Kultur in der Tabakfabrik Linz“: „Das war absolut wichtig und hat meiner nach zum Arbeitsklima der Austria Tabak Linz beigetragen, das man nicht mit Geld herstellen kann. Du kannst einen gut bezahlen, aber wenn er sich nicht wohlfühlt, fühlt er sich nicht wohl. Da wirst du weit fahren müssen, dass du so ein Klima findest. (…)  Da hat es Meisterschaften im Fußball gegeben, zwischen Hainburg, Schwaz, Fürstenfeld und Linz. Im Tennis hat es das auch gegeben. Dann ist man zu Arbeiterolympiaden gefahren. Und es fand das jährliche Schitreffen im Jänner in Gastein statt. Es hat dem Unternehmen schon was gekostet, aber es hat auch etwas gebracht.“

        Der Sportplatz war beliebter Treffpunkt für Tabakfabrik-MitarbeiterInnen und ihre Familien. Foto: Archiv Austria Tabak

        Die Sportanlage der Austria Tabak war für viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein zweites Zuhause: Nach Arbeitsschluss und an den Wochenenden war der „Tschickbudenplatz“ ein beliebter Treffpunkt der Belegschaft. Es wurde gekocht, geplaudert und gespielt. Die Kantine, anfangs eine Holzbaracke wurde nach dem Krieg so renoviert, dass sie Platz für große Festlichkeiten, Jahresabschlüsse, Sektionsjubiläen und Geburtstagsfeiern bot. „Die Eltern und alle, die in der Austria Tabak gearbeitet haben, haben sich am Fußballplatz getroffen. Das waren Familientanten, kann man sagen. Da waren die Frauen und die Mütter und die Großmütter unten, und haben sich dort an der Ecke getroffen, sie haben die Kinder in eine größere Badewanne gesetzt und hatten ihren großen Treffpunkt dort.  (…) Die Familie Austria Tabak hat eigentlich am Fußballplatz begonnen. Und da hat jeder jeden gekannt, da hast du auch den Direktor gekannt und alle Vorgesetzten, die hast du alle getroffen (…)“, sagt Matthias Fellner, von 1984 bis 2009 Leiter des technischen Lagers in der Tabakfabrik Linz.

        Auf und ab

        Gegründet 1934, nahm der SV Tabakfabrik Linz erstmals 1954 an den regionalen Meisterschaftsspielen teil und holte bereits 1955 den Meistertitel in der dritten Klasse A. 1961 glückte der Aufstieg in die 1. Klasse Ost, im darauffolgenden Jahr mussten die „Tabakler“ wieder absteigen. Aufgrund des Meisterschaftsbetriebs stiegen die Anforderungen an die Spieler und externe Fußballer wurden in die Mannschaft geholt. Einigen Kollegen gefiel diese Entwicklung nicht, woraufhin 1964 eine eigene Sektion Betriebsfußball ausschließlich für aktive Mitarbeiter der Tabakfabrik gegründet wurde. 1970 wurde die Fußballsektion in SV Austria Tabak umbenannt. Jahrelang im unteren Mittelfeld der Bezirksliga, war der Verein 1974 am Ende, doch das Engagement des Zentralbetriebsrats bewahrte die Fußballsektion vor der Auflösung. Erst 1980 begann unter Generaldirektor Beppo Mauhart, der von 1984 bis 2002 auch ÖFB-Präsident war, ein Aufschwung. Der Verein bekam einen Sponsorenvertrag mit der Austria Tabak, worauf 1984/85 der Aufstieg in die 1. Landesliga gelang. Bis 1995 professionalisierte sich der Verein unter anderem durch die Verpflichtung von Ex-Internationalen weiter. Als die Austria Tabak aber die Zuwendungen für Sportvereine und -einrichtungen radikal kürzte, ging es auch mit dem SV Austria Tabak steil bergab – bis 1997 der FC Blau-Weiß aus der Taufe gehoben wurde – als legitimer Nachfolgeverein zweier traditionsreicher Linzer Fußballklubs – SK Vöest und Austria Tabak.

         

        Material und Quellen:

        Andreas Kump: Zu einem guten Joint (Venture) gehört Tabak (http://www.blauweiss-linz.at/chronik/)

        Gernot Aglas: Über den blau-weißen Fußball in Linz (http://www.blauweiss-linz.at/chronik/)

        Waltraud Kannonier-Finster, Meinrad Ziegler (Hg.): Ohne Filter. Arbeit und Kultur in der Tabakfabrik Linz. Innsbruck 2012.

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